Kathrin Viergutz

Mobility on Demand: Ein Bussystem ohne Haltestellen und ohne Fahrpläne?

Ziel: ÖPNV, nur besser!

Warum es manchmal besser ist, keinen Plan zu haben – Und was wäre eigentlich, wenn …

Wir lieben es, wenn ein Plan funktioniert. Wir lieben Fahrpläne, Linienpläne und Netzpläne. Öffentliche Verkehrsmittel funktionieren aufgrund einer Vielzahl an Plänen. Aber was würde passieren, wenn man auf diese Pläne verzichten würde? Wie spontan können Bus und Bahn sein? Auf der MinD-Akademie wurde diese Frage diskutiert. Für alle, die nicht dabei waren, gibt es hier die Nachlese.

Was wäre, wenn wir keine Fahrpläne mehr lesen müssten, weil der Bus sich nach uns richtet? Was wäre, wenn wir nicht zur Haltestelle laufen müssten, weil wir direkt an der Haustüre einsteigen können? Was wäre, wenn wir nicht lange warten müssten, sondern es sofort losginge?

Start: ÖPNV, bisher

Um öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, muss man sich bisher mit einer Menge an Plänen auseinandersetzen: Mit dem Linienplan, der einem zeigt, welche Linien man nutzen kann; mit dem Fahrplan, der einem sagt, wann es losgeht und wann man ankommt; mit dem Stadtplan, um herauszufinden, wo die Haltestelle ist. Als Fahrgast muss man den eigenen Zeitplan an die Fahrpläne anpassen. Das ist sehr umständlich, anstrengend und macht keinen Spaß.

Heute wollen wir keine starren Fahrpläne mehr. Wir wollen öffentliche Verkehrsmittel, die sich nach uns richten und die so flexibel sind wie wir. Die da sind, wenn wir sie brauchen. Denn wäre es nicht besser, wenn wir keine Fahrpläne mehr lesen müssten, sondern der Bus immer dann kommt, wenn wir ihn brauchen? Wir Verkehrsplaner nennen das: Mobility on Demand.

Pläne, sinnvoll

Herkömmliche öffentliche Verkehrssysteme sind angebotsorientiert und besitzen überwiegend ex-ante aufgestellte Fahrpläne. Diese Soll-Fahrpläne geben an, zu welcher Zeit die im Verkehrsnetz entlang definierter Linienwege festgelegten Haltestellen bedient werden. Zur Flexibilisierung des Verkehrssystems können diese festgelegten Haltestellen, Linienwege und Bedienzeiten aufgeweicht werden. Nutzer des Verkehrssystems können Start- und Zielpunkte ihrer Reise sowie die gewünschte Abfahrts- oder Ankunftszeit weitestgehend selbst bestimmen.

Taxi, mit noch jemandem drin

So ähnlich wie bei einem Taxi gibt es in einem solchen dynamischen Verkehrssystem keine festen Zustiegspunkte, sondern es kann überall losgehen. Außerdem sehen die Fahrzeuge vielleicht nicht mehr aus wie die Linienbusse, die wir bisher kannten, sondern es können kleinere, wendigere Fahrzeuge (Kleinbusse oder Pkw) eingesetzt werden. Der Unterschied zum Taxi ist, dass noch weitere Fahrgäste mitfahren, die unterwegs zu- oder aussteigen und in die gleiche Richtung wollen. Das klingt wie ein Rufbus, den ihr aus der Kleinstadt eurer Eltern kennt? Richtig, so ähnlich funktioniert so ein Mobility-on-Demand-System, nur eben spontan, also mit sehr geringer Vorbuchfrist. Es soll möglichst sofort losgehen – on Demand eben.

 

Fahrgast, weiß Bescheid

Um den individuell abrufbaren Bus zu nutzen, nennt der Fahrgast seinen Standort und sein gewünschtes Ziel. Das kann zum Beispiel in einer App oder telefonisch geschehen. Ortsangaben können Adressen sein, aber auch sogenannte Points of Interest, wie zum Beispiel ein Einkaufszentrum, die Bibliothek oder die Uni. Außerdem gibt der Fahrgast ein Zeitfenster an, in welchem er befördert werden möchte.

Diese Angaben macht nicht nur ein einzelner Fahrgast, sondern auch andere Fahrgäste, die alle befördert werden wollen. Ein Hintergrundsystem sammelt alle Fahrtwünsche und versucht, sie miteinander zu kombinieren. Wenn zum Beispiel zwei Fahrgäste von Norden nach Süden möchten, können diese beiden Fahrten gebündelt werden.

Nachdem der eine Fahrgast eingestiegen ist, wird der zweite an dessen Standort abgeholt. Ein Algorithmus rechnet aus, wie das funktionieren kann, damit für niemanden allzu große Umwege entstehen. 

Wenn während der Fahrt weitere Fahrgäste zusteigen, kann sich der Fahrweg leicht ändern. Der Busfahrer wird mithilfe eines Navigationsgerätes ständig darüber informiert, wie er am besten fahren soll. Auch die Fahrgäste werden von ihrer App über weitere Zustiege und die dynamische Neuberechnung ihrer Ankunftszeit informiert. So weiß jeder immer genau, was passiert.

 

 

Haltestellen, überall

Wäre es nicht schön, wenn der Bus uns immer da abholen würde, wo wir gerade sind? Wenn es keine festen Haltestellen gibt, nennen Fahrgäste ihren aktuellen Standort, an dem sie abholt werden möchten. Im Idealfall können sie dann direkt an der Haustüre einsteigen. Dadurch wären Fußwege deutlich kürzer, da ein Tür-zu-Tür-Verkehr angeboten wird.

Es gibt nicht mehr nur ein paar bestimmte Haltestellen, sondern unendlich viele. Überall könnten Haltestellen sein. Diese möglichen Halte nennt man virtuelle Haltestellen. Diese Haltestellen sehen nicht mehr aus wie die Bushaltestellen, die wir bisher kennen. Sie haben kein Haltestellensymbol und keine Sitzbank.

Punkte, verknüpft

Wenn es keine physische Haltestelle gibt, muss der Fahrgast die Stelle, an der er zusteigen kann, anders identifizieren können. Besonders gut geeignet sind dafür Stadtpläne auf dem Smartphone, die den Zustiegspunkt auf einer Karte verzeichnen. Zudem kann sich der Fahrgast damit dorthin navigieren lassen. Genauso findet auch der Busfahrer den richtigen Punkt. Um zu wissen, wo der Bus halten kann, muss bekannt sein, wo diese virtuellen Haltestellen sein könnten. Dadurch kann eine Haltemöglichkeit ganz in der Nähe des Fahrgastes ermittelt werden.

Die Verteilung virtueller Haltestellen in einem Bediengebiet kann man sich wie einen ziemlich sternigen Sternenhimmel vorstellen. So wie die Sterne wild am Himmel verteilt sind, lassen sich auch unendlich viele Punkte auf einem Stadtplan verteilen. Je nachdem, welche dieser Punkte zum aktuellen Zeitpunkt von Fahrgästen als Start oder Ziel ihrer Fahrt angefragt werden, lassen sich diese Punkte (Knoten) zu dynamischen Linienwegen (Kanten) verknüpfen – wie Sternbilder am Himmel. Immer nach oben schauen!

 

Fahrzeuge, selbstfahrend

Was wäre, wenn wir selbstfahrende Fahrzeugeinheiten nutzen würden? Was wäre, wenn es gar keine Busfahrer bräuchte, sondern kleine Fahrzeuge selbstständig durch die Stadt fahren würden? Diese Fahrzeuge sind miteinander vernetzt und kommunizieren mit der Leitstelle. Diese koordiniert die Fahrtwünsche der Fahrgäste und übermittelt sie an die autonomen Fahrzeuge. Noch klingt das für uns wie Science Fiction, aber in vielen Ländern laufen bereits die ersten Tests selbstfahrender öffentlicher Verkehrssysteme.

Veröffentlicht in: MinD-Mag - die offizielle Zeitschrift von Mensa in Deutschland e.V., 116, 2016

 

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Und hier das Erklärvideo:

 

 

"Aber das gibt's doch schon!" - Stimmt. Aber wo? Beispiel aus aller Welt und weitere Infos zur Idee: quartiersbus.de